Das Wüstenschiff

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Einst war das Kamel Mittelpunkt des Beduinenlebens: hochgeschätzt und unentbehrlicher Wegbegleiter, Grundlage allen Reichtums, Masstab für Zeit und Raum. Heute verliert das Kamel leider mehr und mehr an Wertschätzung und gilt eher als Symbol der Rückständigkeit.

Jahrtausendelang war das Kamel des Menschen unentbehrlicher Gefährte in der Wüste, ohne den es kein Überleben, keine Verbindung zu Welt gab. Kamele wurden früher nur geschlachtet zu Ehren eines Gastes, an hohen Feiertagen – oder wenn der Hunger dazu zwang. Kamelfleisch gehört heute zu den Grundnahrungsmitteln der städischen Bevölkerung in den armen Randgebieten.

Die Entstehung und Ausbreitung der arabisch-islamischen Kultur ist eng mit dem Kamel als dem Wüstenbegleiter des Menschen verbunden. Auch die christlich-abendländische Kultur nahm in ihre Erinnerungen und Legenden die Bilder jener Landschaft der Hirten am Kreuzweg der Kulturen auf, aus der die Propheten aller drei grossen monotheistischen Religionen – Moses, Jesus und Mohammed – stammen. Mohammed, der Prophet des Islam, war der Sohn eines Kamelhirten und Karawanenführers. Und Gott hat – so sagte er- keinen Propheten geschickt, der nicht Hirte gewesen wäre. Denn nur ein Hirte könne auch Menschen führen.

Die Hirtenkultur der Beduinen ist aus der engen Schicksalsgemeinschaft von Mensch und Tier hervorgegangen. Erst durch das Kamel wurde die Wüste für den Menschen bewohnbar. Es vereinigt in sich die Eigenschaften von Rind, Schaf und Pferd zugleich. Kamelmilch war die Hauptnahrung der Beduinen. Das Kamelhaar ersetzte die Wolle. Der Kamelmist diente als Brennmaterial fürs Lagerfeuer. Die Haut wurde zu Schöpfgeräten und anderen Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens verarbeitet. Durch Ausdauer, Genügsamkeit und Geduld war das Kamel als Reit- und Lasttier gleichermassen geeignet.

Der lange Hals des Kamels dient als eine Art Balancierstange beim Aufstehen mit grosser Last. Füsse und Gelenke des Kamels sind durch eine dicke Hornschicht gegen die Hitze des Wüstensands „isoliert“. Der Höcker dient als Fettspeicher, von dem die Tiere lange Zeit zehren können.

Ein Kamel beginnt erst bei Temperaturen über 40 Grad zu schwitzen. Seine Körpertemperatur kann zwischen 34 und 40 Grad Celcius schwanken, um den Wasserhaushalt optimal zu regulieren. Gegen Hitze und Kälte ist es gleichermassen unempfindlich.

Nicht nur Nahrung, Kleidung und Bewegungsfreiheit verdanken die Beduinen dem Kamel. Eine der bedeutendsten Schöpfungen der altarabischen Kultur – die Poesie - ist auf dem Rücken des Kamels entstanden, bei langen, einsamen Ritten der Beduinen durch die Wüste. Aus dem wiegenden Gang der Tiere entwickelte sich das klassische Versmass der arabischen Literatur und die berühmteste Form altarabischer Dichtung, die Qaside – ein endloses Reimgedicht, endlos wie die Wüste. Den Mittelteil der Qaside bildet der „Kamelritt“, der dem Lob des Reittiers gewidmet ist- verbunden mit dem Schmerz über die Trennung von der Geliebten:

Mein Kamel, ein Blitz, das schönste aller Tiere, sagt mir, indem es mir den Kopf zuwendet, den Kopf, mit Haaren weich wie Seide:

Ich beklage dich, weil du leidest, aber auch ich kenne diesen Schmerz.

„In der Wüste sind Mensch und Tier untrennbar wie die Knie des Kamels“, sagt eine alte Beduinenweisheit. Entsprechend gross war die Zuneigung der Beduinen zu ihren Kamelen. Sie drückte sich nicht nur in der Dichtung aus. Sie wurde Bestandteil der arabischen Sprache selbst, in der das Wort KAMEL – arabisch al gamal - immer ein Synonym für Schönheit, Zuneigung, Verehrung und Bewunderung ist.

Die sprachliche Wurzel für Kamel und Schönheit ist dieselbe. 160 Namen hat das Arabische für das Kamel. Keine andere Kultur kennt so viele Spruchweisheiten, Gleichnisse und Redensarten, die um das Kamel kreisen wie das Arabische:

“Was würdest du zu hundert Ziegen sagen?“ – Zufriedenheit

„Und zu hundert Schafen?“ – Reichtum

„Und zu hundert Kamelen?“ – Erfüllung

Keine 50 Jahre zurück, hatte das Kamel noch seinen festen Platz im Leben der Beduinen und der islamischen Kultur. Es hatte den heutigen Herrschern der arabischen Halbinsel geholfen, die Landstriche zu erobern, die heute ihr Staatsgebiet sind - zum Beispiel Saudi-Arabien, Oman und Jordanien. In den letzten 4 Jahrzehnten, durch das Öl und seine Folgen - Motorisierung, Landflucht und Verstädterung-hat sich vieles verändert. Für die heutige Generation ist das von den Vorfahren verehrte Tier eher zum peinlichen Symbol der Rückständigkeit geworden. Wird das Kamel aus diesem Teil der Welt, der ihm so viel verdankt, endgültig verschwinden – unwiderruflich dem „Fortschritt“ zum Opfer fallen wie die Lebensweise der Hirten und Nomaden von einst?

Der Bruch mit der Natur ist auch ein Bruch mit der Vergangenheit, mit der eigenen Identität ... Wie sieht das auf dem kraftvollen Sinai aus?

Auf dem, zum Glück, noch wenig entwickelten Sinai können die Beduinen mit ihren Familien und Tieren (Kamele, Ziegen) ein relativ ursprüngliches und naturnahes Leben leben.

Geht man in Dahab durch das Beduinenviertel „Assalah“, sieht man überall die Kamele am Strassenrand oder in den Gärten unter den Dattelpalmen stehen und liegen. An heissen Tagen gehen die Beduinenkinder mit ihren Kamelen im Meer baden ... man kann wunderschöne Szenen beobachten und fühlt sich echt in die Vergangenheit zurückversetzt.

Obwohl hier auch das Auto längst zum Alltag gehört, ist das Kamel immer noch hochgeschätzt und schon die Kinder lernen mit den Tieren zu leben, sie zu versorgen und sie zu schätzen und ehren. Eine ganz wesentliche Sache!

Es ist eine Wohltat mit diesen Menschen und ihren Kamelen in die Natur zu ziehen. Das schmackhafte Essen wird von ihnen auf dem Feuer gezaubert und wenn sie ihre Reimgedichte singen, fühlen wir uns fast wie im Märchen ...

Heia-Safari 1: Erde, Wasser, Feuer, Luft

 

 

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update: 04.03.2016